Kurzfassung:
Die Einführung eines
Laborinformationssystems (LIMS) bringt - besonders im Zuge einer
Ausschreibung - durch unklare Vorstellungen der späteren
Anwender oft Probleme durch geringe Benutzerakzeptanz und
unvorsehbaren Entwicklungsaufwand für den Hersteller. In dieser
Arbeit wird ein - der modernen Softwareentwicklung
nachempfundener, aber stark vereinfachter - Weg beschrieben, wie
die Anwender selbst zu einer eindeutigen, EDV-gerechten
Anforderungsaufstellung gelangen können, um die genannten
Probleme zu vermeiden.
Die Problematik
Steigendes Probenaufkommen und höherer Kostendruck zwingen
viele Laboratorien, über die Einführung eines EDV-gestützten
Systems zur Organisation / Verwaltung der Analysen bzw. des
Laborbetriebs im allgemeinen nachzudenken. Diese als "Laborinformationssystem"
(LIMS) bekannten Systeme können jedoch normalerweise nicht
"von der Stange" (als Standardsoftware) angeschafft
werden, da sie in diesem Fall nicht den bisherigen Arbeitsabläufen
entsprechen und daher wenig zur Verbesserung der bisherigen
Situation beitragen können. Die umgekehrte Möglichkeit, die
bisherigen Arbeitsabläufe eines gesamten Labors an eine neue
Software anzupassen, muss als reichlich problematisch (unter Umständen
sogar existenzgefährdend) angesehen werden und wird daher oft
nicht einmal diskutiert.
Der übliche Weg zur Einführung eines LIMS - zumindest bei
seriösen Anbietern - sieht in etwa folgendermaßen aus:
| |
Vorgang |
Beteiligte |
| 1. |
Definition der
Projektziele (welche Verbesserungen werden vom neuen
System erwartet)
|
A, evtl. H |
| 2. |
Durchführbarkeits- (feasibility-)
Studie (Aufsstellung der Anforderungen, ein oder
mehrere Realisierungsvorschläge, Kosten/Nutzen-Betrachtungen)
|
meist H |
| 3. |
Entscheidung (wird
das Projekt durchgeführt - wenn ja und mehrere
Realisierungsvorschläge: Auswahl eines Vorschlags)
|
A |
| 4. |
Systemanalyse (genaue
Untersuchung und Beschreibung der organisatorischen Abläufe
-> "Detailspezifikation")
|
H |
| 5. |
Systemdesign (Festlegung,
wie sich die Ergebnisse aus der Systemanalyse EDV-gestützt
realisieren lassen)
|
H |
| 6. |
Implementierung (Programmierung
etc.)
|
H |
| 7. |
Installation |
H |
| 8. |
Probebetrieb (Überprüfung
durch einige Anwender, ob die gewünschten Ziele mit dem
neuen System erreicht werden; gegebenenfalls weitere
Anpassungen durch den Hersteller)
|
H, A |
|
| Einschulung (komplette
Erklärung des neuen Systems für alle Anwender)
|
H, A |
| 10. |
Übernahme (offizielles
Ende des eigentlichen Projekts)
|
H, A |
| 11. |
fortgesetzte Wartung (Fehlerbehebung,
Anpassungen an zuvor "vergessene" Details oder
neu hinzugekommene Anforderungen etc.)
|
H, A |
|
(A = Anwender, H = Hersteller bzw. Entwickler des LIMS)
Häufig wird noch - in etwa parallel zu den Phasen 4 und 5 -
ein sogenannter Prototyp erstellt. Darunter ist eine
Minimalversion des späteren Programms zu verstehen, die
keineswegs voll lauffähig sein muss, aber den späteren
Anwendern eine Vorstellung vermitteln soll. Zweck des Prototyps
ist es, bereits jetzt etwaige vergessene Anforderungen zu
erkennen und spätere, aufwendigere Änderungen zu vermeiden.
Wie unschwer zu erkennen ist, beschränkt sich die Funktion
der Anwender eher auf eine passive Rolle, nämlich in der
Befragung durch den Hersteller bezüglich der Anforderungen, in
der Entscheidung (meist nur ja oder nein) sowie im Testen, der
Einschulung und der weiteren Betreuung. Eine aktivere Rolle der
Anwender (die ja im Gegensatz zum Hersteller tagtäglich damit
arbeiten müssen) im Zuge der LIMS-Einführung erscheint sinnvoll,
wobei unter anderem folgende Vorteile zu erwarten wären:
- schnellere Einführung (nachträgliche Änderungen, die
erst bei der Arbeit mit dem LIMS urgiert werden, sind
unverhältnismäßig zeitaufwendig - das Problem wird
auch durch den erwähnten Prototyp nur teilweise
beseitigt)
- Benutzerakzeptanz (eines der häufigsten Gründe einer
erfolglosen LIMS-Einführung ist, dass die Anwender das
System nicht annehmen, weiterhin "inoffiziell"
wie bisher arbeiten etc.; naturgemäß ist bei Projekten,
in denen die Benutzer aktiv in der Planung mitgewirkt
haben - nicht zuletzt aus psychologischen Gründen - eine
wesentlich bessere Akzeptanz zu erwarten)
- Kostenfaktoren (neben den offensichtlichen
Kosteneinsparungen durch eine frühere Einführung ist
auch zu bedenken, dass bei klaren Anforderungen dem LIMS-Hersteller/Anbieter
ein wesentlich geringerer Zeitaufwand durch den
teilweisen Wegfall endloser Besprechungen und
Einzelinterviews mit den zukünftigen Anwendern entsteht,
was sich im Normalfall auch im Preis widerspiegeln wird;
bei Ausschreibungen kommt noch der Entfall des "Unsicherheitszuschlags"
dazu - siehe unten)
Besonders der Laborleiter wird seitens der Unternehmensführung
an seiner Fähigkeit zum Projektmanagement der LIMS-Einführung
gemessen werden. Aus diesem Grund liegt es vor allem in seinem /
ihrem Interesse, den Verlauf des Projektes aktiv zu beeinflussen,
damit das Labor einen möglichst hohen Nutzen aus dem LIMS
erzielen kann.
In den meisten Fällen wird die Auswahl des geeigneten LIMS-Herstellers
im Zuge einer - mehr oder weniger formellen - Ausschreibung
stattfinden, da nur wenige, große Unternehmen eine EDV-Abteilung
mit der notwendigen personellen Kapazität sowie der fachlichen
Kompetenz unterhalten, um das Projekt unternehmensintern durchführen
zu können.
Nun wird jeder einigermaßen betriebswirtschaftlich denkende
LIMS-Anbieter bei der Erstellung eines verbindlichen Angebots auf
ein unklares oder mehrdeutiges Leistungsverzeichnis bzw.
Anforderungsaufstellung in der Weise reagieren, dass er dem
Angebotspreis einen "Unsicherheitszuschlag" hinzufügt.
Damit soll der wegen der unklaren Anforderungen schwer abschätzbare
Aufwand kompensiert werden. Durch aktive Benutzerbeteiligung
erstellte Angebotsunterlagen sollten - bei Beachtung einer
sinnvollen Vorgangsweise - die Anforderungen präziser, vollständiger
und auch EDV-orientiert erfassen, was sich in geringeren Preisen
niederschlagen sollte.
Naturgemäß gibt es viele verschiedene Methoden, zu vernünftigen
Ausschreibungsunterlagen zu gelangen. Hier soll ein Verfahren
vorgestellt werden, das auf weitverbreiteten Software-Entwicklungs-Prinzipien
basiert (wie sie von seriösen Software-Anbietern eingesetzt
werden), aber diese soweit vereinfacht und reduziert, dass sie
auch problemlos von Nicht-EDV-Spezialisten eingesetzt werden können.
Klarerweise endet dieses Verfahren bei Phase 4 der Tabelle oben (Systemanalyse),
da der Rest - wie auch die Präzisierung der Systemanalyse -
Aufgabe des LIMS-Herstellers ist und bleiben soll.
Konkret geht es darum, die folgenden 6 Fragen zu beantworten:
Organisatorisch scheint es am vernünftigsten, eine
Projektgruppe zur Klärung dieser Fragen (was wohl kaum in einem
einzelnen Meeting zu schaffen ist) zu bilden, die sich aus
zumindest einem Vertreter aus jeder Abteilung zusammensetzt.
Zusammen sollten diese Vertreter einen Überblick über alle
notwendigen Abläufe haben und Details bei Bedarf mit den
entsprechenden Mitarbeitern klären können. Ob diese
Projektgruppe einen klar definierten Projektleiter besitzen soll
oder nicht, ist nicht allgemeingültig zu beantworten. Am besten
wird diese Frage so wie sonst im Unternehmen üblich gehandhabt.
Die 6 Fragen sollten in der angegebenen Reihenfolge besprochen
und die Ergebnisse schriftlich niedergelegt werden. Sofern sich
zeigt, dass in einer früheren Phase etwas vergessen wurde oder
sich inzwischen geändert hat, müssen alle nachfolgenden Phasen
ebenfalls noch einmal durchgesprochen werden, um festzustellen,
ob die Änderungen auch hier Konsequenzen hinterlassen.
Bei der nun folgenden Detailbeschreibung der 6 Phasen /
Fragestellungen soll jeweils beispielhaft eine - stark
vereinfachte und gekürzte - Beantwortung für ein fiktives
Auftragslabor folgen.
1. Welche Ziele werden verfolgt ?
Hier müssen sich die Anwender zunächst klar werden, aus
welchem Grund überhaupt die Einführung eines neuen Systems in
Angriff genommen werden soll. Es gilt, die Schwächen der
momentanen Vorgangsweise aufzudecken und zu überlegen, ob ein
EDV-gestütztes System diese beseitigen kann.
Weiters ist eine grobe Kosten / Nutzenabwägung vorzunehmen.
Da zu diesem Zeitpunkt eine auch nur ungefähre Kostenschätzung
schwierig ist, erscheint es am vernünftigsten, den erwarteten
Nutzen so gut wie möglich in Geldwerten zu bewerten und diesen
Betrag später als Höchstgrenze für die Kosten der LIMS-Einführung
anzusetzen. Natürlich müssen diese Kosten nicht nur den
Angebotspreis des LIMS-Herstellers, sondern auch die internen
Kosten durch die Umstellung o.ä. abdecken.
Die Bewertung des Nutzen durch das LIMS ist in manchen
Teilbereichen relativ einfach, wenn es sich z.B. um den dadurch
verringerten Arbeitsaufwand je Probe handelt. Andere Faktoren
sind naturgemäß wesentlich schwieriger zu bewerten, so z.B. die
dadurch verbesserte Kundenzufriedenheit, dass nach LIMS-Einführung
alle Analysenaufträge zeitgemäß abgeschlossen werden. Ähnliches
gilt für Qualitätssicherungs-Überlegungen (z.B. die
jederzeitige Auffindbarkeit jahrelang zurückliegender Analysen).
Trotz dieser Schwierigkeiten ist eine - ungefähre - Bewertung
des Gesamtnutzens wie bei jeder anderen Investition sinnvoll, um
eine Entscheidungsgrundlage zu haben.
In unserem fiktiven Beispiel könnte die Liste der Ziele
folgendermaßen aussehen:
- Reduktion des Verwaltungsaufwandes je Probe um 80 %
- Jederzeitiges Auffinden früherer Analysen
- Reduktion nicht fristgerecht erstellter Analysenzertifikate um 90 %
Der Nutzen des LIMS wird folgendermaßen grob geschätzt:
- 10.000 Proben pro Jahr à durchschnittlich 30 Minuten
Verwaltungsaufwand je Probe ergeben bei 80 % Reduktion
eine Zeitersparnis von 4.000 Mannstunden, was bei einer
Bewertung von 100 GE (Geldeinheiten) je Mannstunde 400.000
GE ergibt
- Die Sicherheit, frühere Analysen jederzeit
nachvollziehen zu können, wird sehr grob mit 200.000 GE
pro Jahr angenommen
- Der Verlust an Umsatz durch - wegen verspäteter Analysen
verärgerter - verlorener Kunden sowie der Verlust an
Image wurde mit 100.000 GE pro Jahr (als Deckungsbeitrag
berechnet) angenommen. Eine 90 % Reduktion ergibt also 90.000
GE
Wir erwarten also einen Nutzen von 690.000 GE pro Jahr. Um uns
eine detaillierte Investitionsrechnung zu ersparen, wollen wir
annehmen, dass die jährlichen Steigerungen der Personalkosten
etc. dem allgemeinen Zinssatz entsprechen. Bei einer erwarteten
Nutzung des LIMS von 10 Jahren dürfen die Einführungs- und
Wartungskosten in Summe maximal 6.900.000 GE betragen, wobei in
diesem Betrag auch etwaige Überstunden oder Stillstandskosten zu
berücksichtigen wären. Aufgrund der unsicheren Schätzung wählen
wir aber als maximale Kosten z.B. 5.000.000 GE.
2. Wer hat mit dem System zu tun ?
Nachdem jetzt - hoffentlich - Klarheit darüber herrscht, was
vom neuen System erwartet wird, besteht der nächste Schritt
darin zu erkennen, mit wem oder was das LIMS kommunizieren soll.
In erster Linie handelt es sich dabei um die eigentlichen
Anwender, die meistens in verschiedene Benutzergruppen mit
unterschiedlichen Erfordernissen eingeteilt werden können. Dies
wird als Liste der Benutzergruppen und ihren Charakteristika
erfolgen, wobei zweckmäßigerweise die Funktion, nicht aber der
konkrete Name des Anwenders dokumentiert werden (also "Laborleiter"
anstatt von "Herr Dr. Müller").
Neben den Anwendern können in manchen Fällen auch noch
andere Personen hier aufscheinen, so z.B. wenn Kunden die Möglichkeit
gegeben werden soll, Analysenaufträge elektronisch zu plazieren
oder Ergebnisse abzufragen. Schließlich fallen in diese
Aufstellung auch nicht-menschliche Systeme (z.B. "intelligente"
Laborgeräte), die automatisch oder halbautomatisch Daten mit den
LIMS austauschen können sollen.
In unserem Beispiel würde diese Tabelle folgendermaßen
aussehen:
| Laborleiter |
insb. Endkontrolle und
Freigabe der Ergebnisse |
| Analysenpersonal |
allgemeine Tätigkeit |
| Sekretariat |
insb. Ausdrucken von
Analysenzertifikaten und Rechnungen |
| |
| Chromatographie-Datensystem |
automatische Übertragung
der HPLC-Resultate an das LIMS |
|
3. Auf welche Ereignisse ist zu reagieren ?
Diese Phase stellt meistens den größten Zeitaufwand dar. Es
geht hier um die Aufgabe, zu definieren, was das LIMS im Detail für
den Anwender leisten soll. Wie dies softwaremäßig zu
realisieren ist, betrifft hingegen nur den LIMS-Hersteller.
Die Erstellung einer Liste der Anforderungen über sogenannte
Ereignisse - wie es hier beschrieben wird - ist eine
Vereinfachung der "modernen strukturierten Analyse"
nach
Yourdon und bietet im Vergleich mit
anderen Verfahren den Vorteil, dass man leicht zu einer
detaillierten und vollständigen Anforderungsliste gelangt, ohne
jedoch sich überlegen zu müssen, wie dies EDV-mäßig zu
bewerkstelligen ist. Aus diesem Grund ist dieses Verfahren auch für
"EDV-Laien" gut geeignet.
Konkret werden von allen Mitarbeitern der Projektgruppe "Ereignisse"
diskutiert und schriftlich festgehalten, auf die das LIMS
reagieren soll. Ereignisse werden entweder von einer der in Phase
2 identifizierten Personen oder Geräte ausgelöst (z.B. Eingabe
einer neu eingelangten Probe) oder aber zu bestimmten, vorher
festgelegten Zeitpunkten (z.B. automatischer, täglicher Ausdruck
von Analysenlisten).
Für jedes Ereignis sind folgende Daten anzugeben:
- Bezeichnung / kurze Beschreibung des Ereignisses
- Wer oder was löst das Ereignis aus ?
- In welcher Weise soll das LIMS darauf reagieren ?
- Datenflüsse (welche Informationen werden zu diesem
Zeitpunkt in das System eingegeben, welche sollen vom
System ausgegeben werden)
Sobald eine erste Liste erstellt ist, werden mehrfach
vorkommende, identische Ereignisse gestrichen. Weiters ist
anzustreben, dass die Liste möglichst vollständig das Verhalten
des LIMS beschreiben kann. Nicht vergessen werden sollte, dass
die Reaktion auf ein Ereignis auch in einer Zurückweisung
bestehen kann, wenn z.B. der Benutzer für die gewünschte Aktion
nicht autorisiert ist.
Um bislang übersehene Ereignisse zu finden, ist es
beispielsweise möglich, den "Lebenszyklus aller Geschäftsobjekte"
im einzelnen durchzugehen. Unter "Geschäftsobjekte"
werden z.B. Proben, Kundenadressen oder Analysenzertifikate
verstanden, während der Lebenszyklus den Zeitraum zwischen
Einlangen und Ausscheiden dieser Daten darstellt. Nun muss für
jedes Geschäftsobjekt überlegt werden, was mit ihm innerhalb
dieses Zeitraumes geschehen kann (bei Proben z.B.: Einlangen/Registrierung,
Analyse, Freigabe der Ergebnisse durch den Laborleiter, Ausdruck
eines Analysenzertifikates, weitere Lagerung, ...). Dieses
Verfahren ist zwar zeitaufwendig, stellt aber einen
systematischen Ansatz dar, zu einer vollständigen Ereignisliste
zu gelangen.
Nun ist es noch ratsam, die bisher ungeordnete Ereignisliste
nach sachlichen Zusammenhängen zu ordnen. Welches Kriterium
konkret dafür herangezogen wird, ist einigermaßen frei wählbar
und von geringerer Bedeutung.
Für unser fiktives Labor könnte die Ereignisliste (stark gekürzt)
z.B. so aussehen:
| Bezeichnung |
Auslöser |
Reaktion |
Datenflüsse |
| Probeneingang |
A |
Registrierung der eingelangten Probe, Vergabe einer eindeutigen Nummer und
Speicherung der Daten |
Input:
Probeninformationen Output: -
|
| Erstellung der
Analysenlisten |
täglich |
automatischer Ausdruck
von Analysenlisten (Liste zu analysierender Proben für
jede Abteilung, nach Analysenmethoden geordnet) |
Input: - Output:
Analysenliste (Drucker)
|
| Probenfreigabe |
L |
nach Bestätigung durch
Laborleiter wird Probenstatus auf "Freigegeben"
gesetzt |
Input: - Output:
aktuelle Probendaten (Bildschirm), evtl. Bestätigung
durch Laborleiter
|
| Zertifikat- Ausdruck |
S |
für die neu
freigegebenen Proben werden Analysenzertifikate erstellt |
Input: - Output:
Analysenzertifikate (Drucker)
|
| Abfrage früherer Werte |
A, L |
Anzeige der Proben, die
den Suchkriterien entsprechen |
Input: Suchkriterien (z.B.
Datumsbereich) Output: entsprechende Proben (Bildschirm,
evtl. Drucker)
|
| manuelle Eingabe der
Resultate |
A, evtl. L |
Speicherung der neu
eingegebenen Analysenresultate bei der betreffenden Probe
|
Input: Ergebnisse,
Probennnummer Output: -
|
| automatische Übernahme
von Chromatographie- Daten |
C |
Speicherung der
berechneten Analysenresultate bei der betreffenden Probe |
Input: Ergebnisse,
Probennummer Output: -
|
|
( A = Analysenpersonal, L = Laborleiter, S = Sekretariat, C =
Chromatographie-Datensystem)
4. Mit welchen Daten ist zu rechnen ?
Nachdem in der vorhergehenden Phase definiert wurde, was das
System aus Anwendersicht leisten soll, müssen noch die zu
verarbeitenden Daten näher beschrieben werden (die Bezeichnung
"Eingabe einer neuen Probe" ist ohne Erklärung,
wodurch eine Probe beschrieben wird, noch nicht vollständig).
Zunächst gilt es, voneinander abgrenzbare "Objekte"
(Geschäftsobjekte, siehe oben) zu erkennen. Dies ist nicht immer
ganz eindeutig - z.B. könnte sich die Frage stellen, ob Name und
Adresse des Auftraggebers einer Analyse zur betreffenden Probe
gehören oder ein eigenständiges Objekt darstellen. Aufgrund der
Abgrenzbarkeit von Auftraggeber (Person oder Firma) und Probe
werden diese jedoch normalerweise als zwei unterschiedliche
Objekte angesehen. Trotz dieser Abgrenzung stehen die Objekte im
allgemeinen in einer bestimmten Beziehung zueinander (siehe unten).
Sobald Klarheit über Anzahl und Bezeichnung der
unterschiedlichen Objekte herrscht, müssen die einzelnen "Attribute"
(Felder) identifiziert werden. Bei einem Auftraggeber (Kunden) könnten
dies z.B. "Firmenname", "Ansprechpartner",
"Adresse", "Telefonnummer" und "Telefaxnummer"
sein. Zu jedem Attribut sind folgende Charakteristika zu überlegen:
- Bezeichnung (z.B. Firmenname)
- Datentyp (Text, ganzzahlig, Gleitkomma-Zahl, Datum/Zeit,
Ja/Nein, Auswahl aus mehreren Möglichkeiten etc.)
- Beschränkungen (maximale Zeichenanzahl bei Text, Gültigkeitsbereich
bei Zahlen - z.B. wenn negative Zahlen nicht erlaubt sind)
- Schlüsseleigenschaft (wenn es möglich sein muss, durch
Kenntnis dieses Attributs das ganze Objekt eindeutig zu
identifizieren, z.B. bei einer eindeutigen Probennummer)
- Wiederholung (wenn dieses Attribut mehrfach - meist in
unbestimmter Anzahl - vorkommen kann, so z.B. wenn der
Kunde mehrere Telefonnummern hat)
Bei der Wiederholung kann es auch vorkommen, dass zwei oder
mehr Attribute gemeinsam wiederholt werden (z.B. ein Auftraggeber
mit mehreren Ansprechpartnern, von denen jeder eine eigene
Telefonnummer hat).
Die Attribute und ihre Charakteristika der verschiedenen
Objekte (Auftraggeber, Proben etc.) werden nun als Liste oder
Tabelle schriftlich dokumentiert. An dieser Stelle ist es auch
empfehlenswert, das Datenaufkommen grob abzuschätzen. Dies
betrifft neben der Anzahl der Proben, Auftraggeber (insgesamt
oder pro Jahr) auch die durchschnittliche Anzahl von
Wiederholungen einzelner Felder (siehe oben).
Als letzter Teilschritt ist es nun nur mehr notwendig, die
Beziehungen zwischen den Objekten kurz festzuhalten. Unter einer
Beziehung zwischen Objekten ist beispielsweise zu verstehen, dass
für jede Probe ein (oder auch kein) genau festgelegter
Auftraggeber existiert, umgekehrt aber jeder registrierte
Auftraggeber eine oder mehrere Proben in Auftrag gegeben hat.
Diese Art der Beziehung wird als 1:N (ein Auftraggeber - viele
Proben) bezeichnet; in ähnlicher Weise können auch 1:1 - und M:N
- Beziehungen vorkommen.
Sobald auch die Beziehungen beschrieben sind, ist auch diese
Phase für den Anwender abgeschlossen, da aus diesen Daten der
LIMS-Anbieter mit geringem Aufwand die computergerechte Form der
Daten erstellen kann. Dies geschieht meist mit Hilfe der Entity-Relationship-Modellierung
(übersichtliche, grafische Darstellung). Für Interessierte sind
die Grundlagen dieses Verfahrens in
Datenbank-Einsatz
im Labor beschrieben.
Die Ergebnisse dieser Phase würden für unser Beispiel wie
folgt aussehen (aus Platzgründen nur für die Objekte "Probe"
und "Auftraggeber" dargestellt):
Probe:
| Bezeichnung |
Datentyp |
Beschränkungen |
Schlüssel? |
Wiederholung |
| Probennummer |
ganzzahlig |
>0 |
ja |
- |
| Beschreibung |
Text |
max. 80 Zeichen |
- |
- |
| Eingangsdatum |
Datum |
- |
- |
- |
| Spätestens |
Datum |
nach Eingangsdatum |
- |
- |
| Parameter |
Text |
max. 40 Zeichen |
- |
1 oder mehr |
| Methode |
Text |
max. 40 Zeichen |
- |
1 oder mehr |
| Bearbeitungsstatus |
Auswahl |
- |
- |
- |
|
Erklärungen:
- "Parameter" und "Methode" geben die
zu bestimmenden Analysenparameter (z.B. Glucose) und die
dafür zu verwendende Analysenmethode (z.B. Enzymat.
Bestimmung) an; beide Felder werden gemeinsam wiederholt
!
- "Bearbeitungsstatus" - Auswahl: es ist einer
der möglichen Werte "Vor Probenahme", "Nach
Probenahme", "In Arbeit", "Freigabe
erfolgt" und "Abgeschlossen" zu wählen.
Geschätztes Datenaufkommen: 5000 Proben/Jahr,
Wiederholungsfelder (Parameter/Methode) durchschnittlich 5 mal je
Probe
Auftraggeber:
| Bezeichnung |
Datentyp |
Beschränkungen |
Schlüssel |
Wiederholung |
| Kundennummer |
ganzzahlig |
>0 |
ja |
- |
| Firmenname |
Text |
max. 80 Zeichen |
- |
- |
| Ansprechpartner |
Text |
max. 80 Zeichen |
- |
- |
| Adresse |
Text |
max. 200 Zeichen |
- |
- |
| Telefonnummer |
Text |
max. 40 Zeichen |
- |
- |
| Telefaxnummer |
Text |
max. 40 Zeichen |
- |
- |
|
Beziehungen:
- Auftraggeber zu Probe ... 1:N
Geschätztes Datenaufkommen: 2000 Auftraggeber anfangs,
Zunahme um ca. 500 pro Jahr
5. Kann das System sinnvoll aufgeteilt werden ?
Nach der jetzt abgeschlossenen Aufstellung der gesamten
Anforderungen an das LIMS ist zu diskutieren, ob diese zum gegenwärtigen
Zeitpunkt vollständig oder nur zum Teil realisiert werden sollen.
Dies kann z.B. aus budgetären Gründen oder um eine Einführung
in mehreren Schritten zu erreichen, sinnvoll sein.
Wenn die Realisierung eines Teils sinnvoll oder zumindest
diskussionswürdig erscheint, müssen diejenigen Ereignisse (Phase
3) zusammengefasst werden, die zweckmäßigerweise nicht getrennt
werden sollen, ohne die Effizienz des Systems zu gefährden. Es wäre
z.B. prinzipiell möglich, die Probeneingabe über das LIMS
vorzunehmen, die Analysenzertifikate aber weiterhin manuell zu
schreiben (die Ergebnisse werden vom Bildschirm abgeschrieben).
Ob eine solche LIMS-Realisierung von großem Nutzen für die
Anwender sein wird, ist wohl mehr als fraglich.
Wenn auf diese Weise die Ereignisse zu zwei oder mehreren
Gruppen (oft als "Subsysteme" bezeichnet) zusammengefasst
wurden, werden Prioritäten vergeben, wodurch dann bei beschränktem
Budget o.ä. sofort klar wird, welche Teile derzeit zu
realisieren sind.
Bei der Prioritätenvergabe ist folgendermaßen vorzugehen:
Subsysteme, die von anderen abhängig sind, haben immer geringere
Priorität als letztere zu erhalten. Ansonsten empfiehlt sich
eine Kosten / Nutzenbetrachtung, wie sie bereits in Phase 1 - für
das Gesamtsystem - erfolgt ist. Allerdings ist an dieser Stelle
eine ungefähre Kostenschätzung für die Subsysteme nicht zu
vermeiden, so man nicht eine Ausschreibung mit mehreren möglichen
Realisierungsausmaßen beabsichtigt.
Die Ereignisliste unseres fiktiven Labors lässt sich
eigentlich nur in 2 Subsysteme sinnvoll auftrennen, nämlich die
gesamte manuelle Probenverarbeitung (die ersten 6 Ereignisse)
sowie die automatische Übernahme vom Chromatographie-Datensystem.
Da letzteres vom ersten Subsystem abhängig ist, sind auch die
Prioritäten sofort klar.
6. Welche Nebenbedingungen sind zu beachten ?
Schließlich sind noch eventuelle Nebenbedingungen schriftlich
festzuhalten, die nicht unmittelbar aus der Ereignisliste und der
Datenbeschreibung hervorgehen, aber durchaus großen Einfluss auf
die Effizienz und Benutzerakzeptanz des LIMS haben können.
Manche Nebenbedingungen lassen sich aus der Aufstellung der
Ziele (Phase 1) ableiten, so z.B. die durchschnittliche
Antwortzeit (wenn nach jeder Eingabe minutenlange Wartezeiten
auftreten, wird die gewünschte Reduktion der Bearbeitungszeit
schwer zu erreichen sein) oder auch der Grad der Wartung durch
den LIMS-Hersteller.
Weitere Bedingungen entsprechen den persönlichen Präferenzen
der Anwender, die Weiterverwendbarkeit bereits existierender
Computer und Software etc.
Unser Labor könnte z.B. die folgenden Nebenbedingungen
festgehalten haben:
- mittlere Antwortzeit bei Eingaben unter 5 Sekunden
- telefonischer Support bei Problemen an Werktagen
- Weiterverwendbarkeit der verwendeten PCs, der Drucker und
des Netzwerkes
- Betrieb der Software unter Windows 95
- Anschaffung zusätzlich notwendiger Standardsoftware von
Fa. XYZ, da mit dieser ein Liefervertrag besteht
Mit Abschluss dieser Phase sollten alle zur eigentlichen
Realisierung des LIMS notwendigen Informationen vollständig
dokumentiert sein. Die Ergebnisse der Phasen 2, 3, 4 und 6 können
direkt in ein Leistungsverzeichnis aufgenommen werden, auf das
hin Angebote verschiedener LIMS-Hersteller eingeholt werden (die
Phasen 1 und 5 haben eher unternehmensinterne Entscheidungen zum
Inhalt und sind für die Ausschreibung meist nicht notwendig, die
Schätzung der Maximalkosten sogar wenig sinnvoll).
Die hier beschriebene Vorgangsweise bringt überdies Vorteile
sowohl für die späteren Anwender (da sie durch die genaue
Anforderungsanalyse genau das System erhalten, das sie wirklich
brauchen) als auch für den LIMS-Hersteller (da die Anforderungen
bereits in einer eindeutigen, EDV-gerechten Weise dokumentiert
sind, wodurch eine gute Aufwandsabschätzung möglich wird).
Literatur:
Yourdon, E.N., Modern Structured Analysis, Prentice Hall, Englewoods Cliffs, N.J., 1989